Gastfreundschaft in China vor der Zeitenwende.

Ihre Bedeutung für die Entwicklung der chinesischen Zivilisation und ihre Kommunikation mit der Außenwelt.

 

Plan des Buches


Forschungsvorhaben:

 

Die Gastfreundschaft ist eine der grundsätzlichen Formen der menschlichen Interaktion. Sie funktioniert im Sozialhandeln als ein wichtiges Kommunikationsmittel und dadurch als Instrument eigener Identitätsbildung bzw. der Apperzeption des Anderen. Auf ihr basieren bestimmte Arten nicht nur der interpersonellen Beziehungen, sondern auch der Interaktion zwischen sozialen und politischen Strukturen. Die Begriffe und Praktiken der Gastfreundschaft nehmen in den einzelnen Gesellschaften unterschiedliche Inhalte und Formen an. Ziel der hier konzipierten Forschungsarbeit ist eine umfassende Untersuchung des Phänomens  der Gastfreundschaft und der damit verbundenen religiösen, sozialen und politischen Institutionen (u.a. Ahnenkult, Ritensystem, Diplomatie) im alten China (ca. 16 Jh. v. Chr. – 1. Jh. n. Chr.). Die chinesische Tradition der Gastfreundschaft soll vor ihren sozialen und historischen Entstehungshintergründen erklärt und verstanden werden. Die gewonnenen Erkenntnisse sollen für das Studium der chinesischen Zivilisation im ganzen und ihrer Kommunikation mit der Außenwelt nutzbar gemacht werden.

 

1. Problemstellung

1.1. Die Bedeutung des Themas „Gastfreundschaft“

Der Zusammenhang und der Gegensatz des Eigenen und des Fremden bilden eine der schärfsten Kollisionen (Schérér) der menschlichen Existenz. Gleich was unter dem „Eigenen“ jeweils verstanden wird – das Menschengeschlecht gegenüber der Göttlichkeit oder der Natur, eine Zivilisation, ein Land, ein Volk, eine Stadt, eine Gemeinschaft, eine Familie, der individuelle Körper oder das Bewusstsein ­–, wird dieser Raum als qualitativ vom „Nicht-Eigenen“ abgesondert wahrgenommen (Lewin), wobei das Eigene das Nahe liegende und das Nicht-Eigene, das „Fremde“ und oft Gefährliche ist. Dennoch ist die Interaktion mit dem Fremden unerlässlich und notwendig, weil sich die eigene „Selbst“-Identifizierung nur durch die Erkenntnis des Unterschieds, durch Entgegensetzung und Kommunikation mit dem Anderen verwirklicht (Hegel, Mead, Buber, Deleuze). 

Die Beziehungen mit dem Anderen in Form von friedlichen oder auch gewalttätigen Handlungen können innerhalb eines breites Spektrum von der Enteignung bis hin zur Aneignung und Assimilierung liegen (Waldenfels, Šukurov). Wegen der Unsicherheit in Bezug auf mögliche Folgen des Kontaktes ist auch ein friedlicher Grenzübergang zwischen den eigenen und fremden Räumen ein spannungsgeladener Akt, der von „Übergangsritualen“ (Van Gennep) oder rechtlichen Bestimmungen begleitet werden muß. In dieser Reihe nimmt die Gastfreundschaft als eine friedliche Lösung der jeweiligen existenziellen Kollision einen besonderen Platz ein. Einerseits erlaubt sie den Fremden, sich einander zu nähern. Anderseits setzt sie der Annäherung eine ausdrückliche Grenze: dem Fremden wird erlaubt ins Eigene einzudringen, jedoch nicht zum Eigenen zu werden. Die Möglichkeit, Gastfreundschaft auszuüben, bedeutet die beiderseitige Bestimmung des Selbst (Derrida) und die Toleranz gegenüber der Alterität (Schérér).

In der vormodernen Geschichte aller Völker lag die Gastfreundschaft den Beziehungen außerhalb der eigenen Gemeinde, der eigenen Ethnie und des eigenen Staates zugrunde. Sie regelte die Treffen der Staatsfürsten und ihrer Gesandten. Sie sicherte den Kaufleuten, Wanderern, Seefahrern und Pilgern unterwegs ein Obdach und schützte sie vor Gewalt. Sie gewann in mehreren Religionssystemen Bedeutung als Theoxenia (Gastfreundschaft gegenüber die Göttlichkeit) oder Ritual der Aufnahme der Ahnengeister.

Auch in den modernen Gesellschaften spielen Formen der Gastfreundschaft eine vielfältige Rolle, besonders in den "globalisierten" interkulturellen Austauschprozessen. Ihrer Geschichte und ihren kulturellen Erscheinungen nachzugehen, ist deshalb auch in diesem Rahmen von Interesse.

China nimmt hierbei durch seine Größe und Bedeutung einen prominenten Platz ein. Aufgrund seiner langen, auf ganz Ostasien ausstrahlenden und relativ wenig gebrochenen Kulturtradition liegt auf der Hand, gerade den chinesischen Modellen der Gastfreundschaft Aufmerksamkeit zu widmen.

Das geplante Forschungsprojekt zielt deshalb auf eine historisch-systematische Darstellung der Institution der Gastfreundschaft in einer formativen Phase der chinesischen Kultur.

Es ist vorgesehen, insbesondere den folgenden Fragen nachzugehen:

·     Was sind die chinesische Modelle der Gastfreundschaft, und wie haben sie sich historisch entwickelt?

·     Welche gesellschaftlichen Institutionen entstanden im Verlauf der chinesischen Geschichte in Zusammenhang mit der Gastfreundschaft?

·     Welche historische Rolle spielte sie in der Innen- und Außenpolitik?

·     Welche Bedeutung hat die Gastfreundschaft für die chinesische Zivilisation? Welches Potential enthält die chinesische Tradition der Gastfreundschaft für die interkulturelle und internationale Kooperation?

 

1.2. Zur zeitlichen Abgrenzung

Traditionen der Gastfreundschaft in allen Kulturen beziehen sich immer wieder zurück auf ihre historischen Anfänge. Deswegen muss ihrer Herausbildungsperiode besondere Aufmerksamkeit zuteil werden.

Die Gastfreundschaft ist offenbar keine urwüchsige Fähigkeit der Menschheit. Ihr Entstehen hängt mit dem Werden der Zivilisation (Elias) und hiermit verbundenen sozialen Zwecken zusammen. Dieser Prozeß nimmt je nach den historischen und kulturellen Kontexten unterschiedliche Formen an, die Traditionen konstituieren (Benveniste), ohne dass diese damit dauerhaft festgeschrieben wären. Die Untersuchung soll sich zunächst der traditionsbildenden frühen Phase der chinesischen Gastfreundschaft zuwenden. Sie bezieht sich auf eine im besonderem Maße repräsentative und noch in der Gegenwart als identitätsstiftend angesehene Epoche der chinesischen Kultur.

Das chinesische Altertum, insbesondere die vorkaiserliche Zeit (bis 221 v. Chr.), war in China immer hochgeschätzt, wurde konsultiert und als Vorbild bewahrt, was China zu einer relativ „vergangenheitsorientierten“ (Kluckhohn) Zivilisation gemacht hat. Die geplante Arbeit widmet sich dieser Zeit, namentlich den  eineinhalb Jahrtausenden der Dynastien Shang (ca. 1570-1046 v. Chr.), Zhou (ca. 1046/5-221 v. Chr.), Qin (221-207 v. Chr.) und Westliche Han (206 v. Chr. – 9 n. Chr.). Die Wahl dieses Zeitabschnittes ist folgendermaßen begründet:

·     Die ersten schriftlichen Erwähnungen der Aufnahme von Gästen finden sich in den Orakelknocheninschriften der Shang-Zeit. Auf Basis dieser Quellen ist die Gastfreundschaft in der Shang-Gesellschaft allerdings nur in der religiösen Sphäre zu beobachten.

·     Die authentischen epigraphischen und literarischen Quellen der Westlichen Zhou-Zeit (1046/5-771 v. Chr.) enthalten einige Zeugnisse über Gastaufnahmenpraktiken nicht nur bei religiösen, sondern auch bei gesellschaftlichen und staatlichen Ritualen. Allerdings sind die Informationen sporadisch.

·     Die Östliche Zhou-Zeit (770-221 v. Chr.), auf die sich wegen ihrer tragenden Bedeutung Karl Jaspers in seinem Konzept der „Achsenzeit“ bezieht (Jaspers, Roetz), kann auch als die entscheidende formative Periode chinesischer Modelle der Gastfreundschaft angesehen werden. Während dieser Periode fanden Praktiken der Gastfreundschaft verbreitet Anwendung in der Kommunikation auf verschiedenen Ebenen zwischen autonomen Fürstentümern. Die Gastfreundschaft wurde von den Ethikern und Sozialphilosophen dieser Zeit als eine der grundsätzlichen Formen menschlicher Beziehungen erkannt und anerkannt.

·     221 v. Chr. beendete der Staat Qin den politischen Polyzentrismus Chinas. Obwohl Gastberater und Gelehrte aus verschiedenen Regionen Chinas einen Beitrag zur Stärkung des Qin-Königreiches geleistet hatten, wurde den Fremden in Qin mit Misstrauen begegnet. Die ausgeprägte Intoleranz und Feindseligkeit gegenüber dem „Anderen“ könnte zum frühen Zerfall des Kaiserreiches beigetragen haben.

·     Die Epoche des Westlichen Han-Kaiserreiches (206 v. Chr. -09 n. Chr.) zieht die Bilanz der formativen Periode der chinesischen Zivilisation und stellt ein Bindeglied zu ihrer weiteren Entwicklung dar. Im historischen, politischen und philosophischen Schrifttum der Han spielt die Gastfreundschaft eine auffallende Rolle, nicht zuletzt aufgrund der Ausdehnung des Territoriums des Han-Reiches, seiner Außenkontakte und der Eingemeindung nicht-chinesischer Völker.

Der vorgestellte Zeitraum bildet für die Geschichte Chinas eine systematische Einheit, die innerhalb des Horizonts des Forschungsvorhabens untersucht werden kann. Innerhalb dieser Periode hat sich die chinesische Zivilisation  in ihren Grundzügen konstituiert. Das politische, ideologische, ethische und kulturelle Erbe des alten China hatte wesentlichen Einfluss auf seine weitere Entwicklung. Noch heute bildet insbesondere die Spätphase dieses Zeitraums einen wichtigen Bezugspunkt der politischen, kulturellen und ethischen Diskurse in China, auch in Zusammenhang mit dem Wiederaufleben des Konfuzianismus.

Sowohl wegen seiner eigenständigen historischen Wertigkeit als auch wegen seiner Bedeutung für die moderne chinesische Gesellschaft erscheint es mir deshalb berechtigt, den genannten Zeitraum für die Untersuchung auszuwählen.

 

2. Forschungsstand

In der mediterran-europäischen, insbesondere der christlichen Tradition wurde die Gastfreundschaft als eine der höchsten Tugenden angesehen. So verwundert es nicht, dass die Gastfreundschaft als Forschungsgegenstand die meiste Aufmerksamkeit unter den Europaforschern  und Theologen genießt. Es wurde herausgearbeitet, dass in diesem Raum mehrere Formen der Gastfreundschaft mit unterschiedlichen ethischen Standards entstanden, die das gesellschaftliche Leben wechselseitig beeinflussten (Benveniste, Gauthier, Hellmuth, MarinoviČ, Montandon). Die Freiheit eines privaten Individuums, unabhängig vom Staat oder der Gemeinschaft oder in Gegensatz zu ihnen Gastfreundschaft auszuüben, hatte offenbar Folgen für die Ausbildung des europäischen Individualismus (Schérér, Montandon 2000). Meistens jedoch wurden die Normen der Gastfreundschaft von der Gemeinschaft und dem Staat aufgestellt. Rechte und Pflichten in der Gastfreundschaft wurden im herkömmlichen Recht oder im geschriebenen Gesetz festgelegt (Hellmuth, Marinovitsch).

Die private und die öffentliche Gastfreundschaft dienten zur Bestimmung der Identität des Individuums, der Gemeinschaft und des Staates (Gauthier, Derrida). Die Ideale der Gastfreundschaft spielten auch eine große Rolle in der Herausbildung der christlichen Ethik (Haberer, Hawkins, Honecker, Koenig) und des humanistischen Bewusstseins (Bolchazy, Schérér). Sie führten zur Gründung sozialer Institutionen wie z. B. des Gästehauses, des Krankenhauses, des Hospizes und verschiedener Empfangsstrukturen (Foucault, Dodier, Hübner, Peyer, Montandon 2001). Noch die heutigen ethischen Vorstellungen weisen einen „Abdruck“ der Ideale der unbedingten Gastfreundschaft auf, obwohl die Moderne wenig Möglichkeiten läßt, sie wörtlich zu befolgen (Schérér). Gleichwohl entwickeln sich heutzutage die Strukturen der Gastfreundschaft  weiter, so dass ihr Zustand für die interkulturelle und internationale Existenz eine große Bedeutung hat (Heinrichs, Derrida) und insbesondere für den mobilen und kommunizierenden modernen Mensch von Belang ist (Derrida, Gotman).

Im Vergleich zu dieser Vielfältigkeit der Perspektiven und Meinungen im Bezug auf Europa ist die Gastfreundschaft in China bisher noch wenig erforscht. Einzelne Fälle und Aspekte wurden meistens am Rande anderer Themen betrachtet. Z.B. wurde das Ritual der Gastaufnahme der Ahnengeister in der Shang- und Zhou-Zeit als Teil der Ahnenreligion untersucht (Chen, Keightley, Chang, Goldin). Die Teilname von Gäste an  gesellschaftlichen Ereignissen wie dem Initiationsritual, einem Bankett, einer Hochzeit, Beerdigung etc. wurde mehrmals erwähnt (Creel, Wasiliev), aber ihre Bedeutung und Funktion sind nie analysiert wurden.  Die von den Königen und Hegemonen organisierten Gastempfänge, Audienzen und Vollversammlungen der Lokalfürsten wurden im Zusammenhang mit dem so genannten altchinesischen Feudalismus (Granet) und dem „System ritueller Kommunikation“ (Kryukov 1997) angesprochen. Die Aufnahme diplomatischer Gesandten wurde als wichtiger Bestandteil der internationalen Beziehungen im Rahmen des „multistaatlichen Systems“ erkannt (Walker, Huai, Sun).  Jedoch wurde die Komplexität der Besuchs-Empfang-Beziehungen in ihrer Auswirkung auf die Repräsentation der Machthierarchie noch sehr wenig erforscht. Bemerkenswert sind allerdings die Arbeiten von Sozialwissenschaftlern, die „Gäste“ während der Periode der Streitenden Reiche (5. - 3. Jh. v. Chr.) als eine eigene Sozialklasse erkannt (Ch’u) und die Gastfreundschaft als eine der wesentlichen Praktiken der modernen alltäglichen Beziehungsbildung (guanxi) erachtet haben (Kipnis, Yan). Die Relevanz der Gastfreundschaft für das soziale Handeln im modernen China wird auch in der Fachliteratur über das internationales Business-Management (Seligman, Lee, Hellstrom) angesprochen. Eine umfassende Untersuchung der Gastfreundschaft in China ist aber bisher noch nicht vorgelegt worden.

Mein eigener bisheriger Beitrag zur Erforschung der Gastfreundschaft in alten China besteht im folgenden:

·                  Untersuchungen zur Verwendung der Begriffe für „Gast“ und „Freund“ im alten China mit dem Ergebnis, daß beide  sich auf zwei verschiedene Formen des Verhältnisses zum „Anderen“ bezogen: Freundschaft ist eine Privatbeziehung, Gastfreundschaft spielt sich meistens außerhalb des Privatbereiches in der Beziehung zu Fremden ab (Khayutina, a).

·                  Untersuchungen zur Rolle der allmählichen Verzweigung der Clan-Organisation und  des Anwachsens der sozialen Mobilität seit der letzten Hälfte der Westlichen Zhou-Zeit (ca. Ende X-IX Jh. V. Chr.)  für die Entwicklung der Gastfreundschaft (Khayutina a, c , d, g).

·                  Untersuchung der Rolle von Gästen im religiösen Ritual der Westlichen Zhou-Zeit und der Frühling und Herbst-Periode als Vertreter der Ahnengeister und agrarischen Gottheiten, mit der Folge einer steigenden Akzeptanz von Fremden (Khayutina b, i, j).

·     Untersuchung der Konzeption der Gastfreundschaft gegenüber nicht-chinesischen Völkern in spät-Zhou-zeitlichen Beschreibungen der mythischen und historischen Vergangenheit im Vergleich mit Angaben in den authentischen Quellen der Shang- und Westlichen Zhou-Zeit. (Khayutina e, h).

·     Untersuchung des offiziellen Gästestatus und der Herausbildung neuer Gastfreundschaftsbeziehungen in der Politik der Staaten der Östlichen Zhou-Zeit nach dem Zerfall der durch Verwandtschaft, Ehebeziehungen und Loyalität zu den Zhou-Königen aufrechterhaltenen Solidarität zwischen den Lokaldomänen  (Khayutina a).

·     Untersuchung der inoffiziellen Institution der als „Gäste“ bezeichneten Privatangestellten von Potentaten und Honoratioren während der Zeit der Streitenden Reiche (Khayutina a).

Diese von mir bislang untersuchten Facetten der Gastfreundschaft zeigen, dass dieses Phänomen eine wesentliche Rolle in vielen Sphären des sozialen und politischen Lebens wie auch in der Religion des alten China spielte. Seine historisch und systematisch integrale Gestalt bleibt aber noch zu rekonstruieren. Die bisher gewonnen noch punktuellen Erkenntnisse werden dem beantragten Forschungsprojekt als Ausgangspunkte dienen.

 

3. Leitfragen

Das Projekt zielt auf eine umfassende Darstellung der Phänomen der altchinesischen Gastfreundschaft. Ihre religiösen, sozialen und politischen Aspekte werden zunächst separat analysiert. Anschließend werden das altchinesiche Modell bzw. die Modelle der Gastfreundschaft rekonstruiert und sein bzw. ihre Bedeutung für die Entwicklung der chinesischen Zivilisation ausgewertet. Die folgenden Fragen werden die Forschung leiten:

·     Welche Rolle spielte die altchinesische Ahnenreligion für die Akzeptanz des Anderen bzw. für die Entwicklung der Gastfreundschaft? Welchen Einfluss hatte die Entstehung der sozialen Institution der Gastfreundschaft auf die Evolution der religiösen Mentalität und des Ahnenkults? Hatte das chinesische Modell der Gastfreundschaft – über den hier thematisierten Zeitraum hinaus – eine Bedeutung für die religiöse Toleranz und die Akzeptanz fremder Religionen (Buddhismus usw.)?

·     Welchen Bedeutung hatte die Gastfreundschaft für die Struktur sozialer Kommunikation im privaten Bereich? Welche Rechte und Pflichten konstituierten die Norm der Gastfreundschaft? Wie wurde ihre Handhabung garantiert bzw. ihr Bruch behandelt? Wie entwickelten sich die Vorstellungen und die Praxis der Gastfreundschaft mit dem Anwachsen sozialer Mobilität? In welcher Beziehung standen sie zu den Veränderungen in den staatlichen Systemen?

·     Wie und von wem (von privaten oder öffentlichen Strukturen) wurde die Aufnahme der Reisenden, Migranten und Flüchtlinge organisiert? Wie kontrollierte und regulierte der Staat die private und öffentliche Gastfreundschaft im multistaatlichen System der späten Zhou-Zeit und in frühkaiserlicher Zeit? Wann entstand bzw. wie entwickelte sich das Gästehaus? Wie beeinflusste die im Vergleich zu Europa frühe Etablierung des Gästehauses das chinesische Modell der Gastfreundschaft?

·     Welche Funktionen hatten die staatlichen Empfangsrituale für die Staatsangehörigen oder Vertreter fremder Staaten und Völker? Wie änderten sie sich im früheren Zhou-Königreich, im multistaatlichen System der späten Zhou-Zeit und in der frühen Kaiserzeit? Welche Rolle spielte die Akzeptanz von außen bzw. die Akzeptanz der Außenstehenden beim Aufbau der staatlichen Souveränität? Welche Bedeutung hatte die Konzeption der Gastfreundschaft gegenüber den fremden Völkern für die Herausbildung der imperialen Ideologie?

·     Wie entwickelte sich das Ethos der Gastfreundschaft im Laufe des zu betrachtenden Zeitrahmens? Welche Funktion hatte die Figur des Gastes (eines „Dritten“, der z.B. einen Konflikt von der Distanz seines besonderen Status beobachtet und beurteilt) für die Selbstreflexion im altchinesischen historisch-philosophischen Diskurs? Was bedeutete die Gastfreundschaft für die Charakteristik der in Quellen erwähnten historischen Figuren? War die Gastfreundschaft im alten China als Tugend angesehen? Wie war das Ethos der Gastfreundschaft mit dem „Prozeß der Zivilisation“ in China verbunden?

 

4. Methodologie.

Die Komplexität des hier betrachteten Themas erfordert eine fachübergreifende Strategie :

·     Historischer Ansatz: Die Vorstellungen über die Gastfreundschaft manifestierten sich in einigen greifbaren sozialen Erscheinungen (z. B. Ahnenkult, Empfangsritual, Gästehaus usw.), die in ihrer Entwicklung untersucht werden müssen. Die Rekonstruktion wird aufgrund a) chinesischer Primärquellen und b) kritisch ausgewerteter, auch komparativer Sekundärliteratur durchgeführt. Folgendes an der hier vorgesehenen Herangehensweise ist neu:

1)   Die für die Gastfreundschaft relevanten sozialen und politischen Institutionen werden in ihrer Geschichte dargestellt.

2) Bei der Auswertung der primären Quellen für die Untersuchung der Praxis der Gastfreundschaft wird ihr Objektivitätsgrad kritisch geprüft (siehe Semiotischer Ansatz 2). Subjektive Äußerungen werden als wertvolle Belege für Vorstellungen über die Gastfreundschaft herangezogen.

3) Bei der Auswertung der authentischen Quellen (Orakelknochen, rituelle Bronzegefäße, Bambusdokumente) wird nicht nur der schriftlichen Information als solche, sondern auch den sie mit formenden Eigenschaften der materiellen Datenträger (Zweck, Gebrauchsweise und, im Fall der Bronzegefäße, auch Form und Dekorum) Aufmerksamkeit gewidmet (siehe Semiotischer Ansatz 2).

4)   Es wird beachtet, ob die Realitätsdarstellung der Quellen synchronisch oder diachronisch ist. Besondere Beachtung findet die Geschichtsschreibung (dargestellt durch die Bambusannalen (ca. 4 Jh. v. Chr.) und das Shiji von Sima Qian (145-90 v. Chr.)). Angestrebt ist die Differenzierung zwischen den idealen Vorstellungen von Gastfreundschaft in der Vergangenheit, den didaktisch-programmatischen Vorstellungen zur Gegenwart und den tatsächlichen Praktiken der Gastfreundschaft.

·     Sozialtheoretischer Ansatz: Die Gesellschaft stellt ein soziales System dar, das in mehrere Subsysteme (Organisationen auf den verschiedenen Ebenen, Personen) geordnet ist. Dieses System bzw. jedes Subsystem ist umweltorientiert und funktioniert bzw. wird ausgebildet durch kommunikatives Handeln (Luhmann). Es soll untersucht werden, welche Bedeutung und Funktion die Gastfreundschaft als eine Form der System-Umwelt Beziehung für die Subsysteme der alten chinesischen Gesellschaft (Familie, Clan, Gemeinschaft, Staat usw.) sowie für das ganze System (die Zivilisation) hatte. Untersucht wird ferner, inwieweit die Modifizierung der Vorstellungen und der Praxis der Gastfreundschaft mit dem historischen Wandel des Systems und seiner Teile korrelierte.

·     Semiotischer Ansatz: Die Interpretation der durch historische Untersuchungen gewonnenen Ergebnisse wird strukturell-theoretisch auf den folgenden Ebenen behandelt:

1) Gesellschaftliche Interaktion: Die Gastfreundschaft wird als eine Form der Kommunikation zwischen den Parteien, die sich gegeneinander als „Eigen“ und „Fremd“ wahrnehmen, angesehen. Es wird untersucht, welche Eigenschaften die jeweiligen Gegenseiten haben, um an der Kommunikation im Rahmen der Gastfreundschaft teilnehmen zu können, und welche Merkmale sie dadurch annehmen können. Es wird ermittelt wie, d.h. durch welche Zeichen, diese Kommunikation stattfindet (z.B. rituelle Verhaltensweisen, visuelle Ausdrucksweisen, räumliche Positionierung, Redeweise usw.). 

2) Text: Die Vorstellungen über die Gastfreundschaft manifestierten sich in der Beschreibung relevanter Erscheinungen und Geschehnisse. Jede Beschreibung wird als Kommunikation, die sich von einem bestimmten Sender (Autor) an einen bestimmten Empfänger (Auditorium)  richtet, angesehen. Das heißt, dass jeder Text  ein System darstellt, in dem die Bedeutungen des Beschriebenen in einem Zusammenhang mit der Art und dem Zweck (z. B. Chronik, philosophischer Traktat, ritueller Text, historisches Schriftwerk, politischer Aufsatz etc.) jedes individuellen Dokuments stehen. Es wird untersucht, wie die Darstellung der Gastfreundschaft je nach Kontext und Spezifik der Quellen variiert.

3) Wortschatz: Die Begriffe der Gastfreundschaft werden in den Quellen oft metaphorisch und metonymisch verwendet. In vielen Übersetzungen auf dem Chinesischen werden sie nicht wörtlich übertragen, weil dies für nicht-chinesische Leser unverständlich wäre, sondern ihre Bedeutung wird mit anderen Ausdrücken wiedergegeben. Diese Diskrepanz deutet auf die Notwendigkeit hin, Eigenschaften dieser Begriffe im konventionellen System der Kommunikation in der chinesischen Sprache zu verstehen. Hierzu ist die Abfassung eines Glossars der chinesischen Begriffe der Gastfreundschaft geplant.

 

f. Darstellung der Ergebnisse.

Die Ergebnisse des hier beantragten Forschungsprojekts werden zur Publikation in Form eines Buches vorbereitet. Die Resultate der bisher durchgeführten Forschung werden zusammen mit den neuen Ergebnissen ausgewertet, präzisiert und dargestellt.

 

Vorläufigen Plan siehe hier.

 

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