Gastfreundschaft
in China vor der Zeitenwende.
Ihre Bedeutung für die
Entwicklung der chinesischen Zivilisation und ihre Kommunikation mit der
Außenwelt.
Forschungsvorhaben:
Die Gastfreundschaft ist eine der grundsätzlichen Formen
der menschlichen Interaktion. Sie funktioniert im Sozialhandeln als ein
wichtiges Kommunikationsmittel und dadurch als Instrument eigener
Identitätsbildung bzw. der Apperzeption des Anderen. Auf ihr basieren bestimmte
Arten nicht nur der interpersonellen Beziehungen, sondern auch der Interaktion
zwischen sozialen und politischen Strukturen. Die Begriffe und Praktiken der
Gastfreundschaft nehmen in den einzelnen Gesellschaften unterschiedliche Inhalte
und Formen an. Ziel der hier konzipierten Forschungsarbeit ist eine umfassende
Untersuchung des Phänomens der Gastfreundschaft und der damit verbundenen
religiösen, sozialen und politischen Institutionen (u.a. Ahnenkult,
Ritensystem, Diplomatie) im alten China (ca. 16 Jh. v. Chr. – 1. Jh. n. Chr.).
Die chinesische Tradition der Gastfreundschaft soll vor ihren sozialen und
historischen Entstehungshintergründen erklärt und verstanden werden. Die
gewonnenen Erkenntnisse sollen für das Studium der chinesischen Zivilisation im
ganzen und ihrer Kommunikation mit der Außenwelt nutzbar gemacht werden.
1. Problemstellung
1.1. Die Bedeutung des Themas „Gastfreundschaft“
Der Zusammenhang und der Gegensatz des Eigenen und des
Fremden bilden eine der schärfsten Kollisionen (Schérér) der menschlichen Existenz. Gleich was unter dem
„Eigenen“ jeweils verstanden wird – das Menschengeschlecht gegenüber der
Göttlichkeit oder der Natur, eine Zivilisation, ein Land, ein Volk, eine Stadt,
eine Gemeinschaft, eine Familie, der individuelle Körper oder das Bewusstsein –,
wird dieser Raum als qualitativ vom „Nicht-Eigenen“ abgesondert wahrgenommen (Lewin), wobei
das Eigene das Nahe liegende und das Nicht-Eigene,
das „Fremde“ und oft Gefährliche ist. Dennoch ist die Interaktion mit dem
Fremden unerlässlich und notwendig, weil sich die eigene
„Selbst“-Identifizierung nur durch die Erkenntnis des Unterschieds, durch
Entgegensetzung und Kommunikation mit dem Anderen verwirklicht (Hegel, Mead, Buber, Deleuze).
Die Beziehungen mit dem Anderen in Form von
friedlichen oder auch gewalttätigen Handlungen können innerhalb eines breites
Spektrum von der Enteignung bis hin zur Aneignung und Assimilierung liegen (Waldenfels, Šukurov). Wegen der Unsicherheit in Bezug auf mögliche Folgen des Kontaktes ist
auch ein friedlicher Grenzübergang zwischen den eigenen und fremden Räumen ein
spannungsgeladener Akt, der von „Übergangsritualen“ (Van Gennep) oder rechtlichen Bestimmungen begleitet werden
muß. In dieser Reihe nimmt die Gastfreundschaft als eine friedliche
Lösung der jeweiligen existenziellen Kollision einen besonderen Platz ein.
Einerseits erlaubt sie den Fremden, sich einander zu nähern. Anderseits setzt
sie der Annäherung eine ausdrückliche Grenze: dem Fremden wird erlaubt ins
Eigene einzudringen, jedoch nicht zum Eigenen zu werden. Die Möglichkeit,
Gastfreundschaft auszuüben, bedeutet die beiderseitige Bestimmung des Selbst (Derrida) und die Toleranz gegenüber der
Alterität (Schérér).
In der vormodernen Geschichte aller Völker lag die
Gastfreundschaft den Beziehungen außerhalb der eigenen Gemeinde, der eigenen
Ethnie und des eigenen Staates zugrunde. Sie regelte die Treffen der
Staatsfürsten und ihrer Gesandten. Sie sicherte den Kaufleuten, Wanderern,
Seefahrern und Pilgern unterwegs ein Obdach und schützte sie vor Gewalt. Sie
gewann in mehreren Religionssystemen Bedeutung als Theoxenia (Gastfreundschaft
gegenüber die Göttlichkeit) oder Ritual der Aufnahme der Ahnengeister.
Auch in den modernen Gesellschaften spielen Formen
der Gastfreundschaft eine vielfältige Rolle, besonders in den
"globalisierten" interkulturellen Austauschprozessen. Ihrer
Geschichte und ihren kulturellen Erscheinungen nachzugehen, ist deshalb auch in
diesem Rahmen von Interesse.
China nimmt hierbei durch seine
Größe und Bedeutung einen prominenten Platz ein. Aufgrund seiner langen, auf
ganz Ostasien ausstrahlenden und relativ wenig gebrochenen Kulturtradition
liegt auf der Hand, gerade den chinesischen
Modellen der Gastfreundschaft Aufmerksamkeit zu widmen.
Das geplante Forschungsprojekt
zielt deshalb auf eine historisch-systematische Darstellung der Institution
der Gastfreundschaft in einer formativen Phase der chinesischen Kultur.
Es ist vorgesehen, insbesondere den folgenden Fragen nachzugehen:
·
Was sind die chinesische
Modelle der Gastfreundschaft, und wie haben sie sich historisch entwickelt?
·
Welche gesellschaftlichen
Institutionen entstanden im Verlauf der chinesischen Geschichte in Zusammenhang
mit der Gastfreundschaft?
·
Welche historische Rolle
spielte sie in der Innen- und Außenpolitik?
·
Welche Bedeutung hat die
Gastfreundschaft für die chinesische Zivilisation? Welches Potential enthält
die chinesische Tradition der Gastfreundschaft für die interkulturelle und
internationale Kooperation?
1.2. Zur zeitlichen Abgrenzung
Traditionen der Gastfreundschaft
in allen Kulturen beziehen sich immer wieder zurück auf ihre historischen
Anfänge. Deswegen muss ihrer
Herausbildungsperiode besondere Aufmerksamkeit zuteil werden.
Die Gastfreundschaft ist offenbar keine urwüchsige
Fähigkeit der Menschheit. Ihr Entstehen hängt mit dem Werden der Zivilisation (Elias) und hiermit verbundenen sozialen
Zwecken zusammen. Dieser Prozeß nimmt je nach den historischen und kulturellen
Kontexten unterschiedliche Formen an, die Traditionen konstituieren (Benveniste), ohne dass diese damit
dauerhaft festgeschrieben wären. Die Untersuchung soll sich zunächst der
traditionsbildenden frühen Phase der chinesischen Gastfreundschaft zuwenden.
Sie bezieht sich auf eine im besonderem Maße repräsentative und noch in der
Gegenwart als identitätsstiftend angesehene Epoche der chinesischen Kultur.
Das chinesische Altertum, insbesondere die
vorkaiserliche Zeit (bis 221 v. Chr.), war in China immer hochgeschätzt, wurde
konsultiert und als Vorbild bewahrt, was China zu einer relativ
„vergangenheitsorientierten“ (Kluckhohn)
Zivilisation gemacht hat. Die geplante Arbeit widmet sich dieser Zeit,
namentlich den eineinhalb Jahrtausenden
der Dynastien Shang (ca. 1570-1046 v. Chr.), Zhou (ca. 1046/5-221 v. Chr.), Qin
(221-207 v. Chr.) und Westliche Han (206 v. Chr. – 9 n. Chr.). Die Wahl dieses
Zeitabschnittes ist folgendermaßen begründet:
·
Die ersten schriftlichen Erwähnungen
der Aufnahme von Gästen finden sich in den Orakelknocheninschriften der
Shang-Zeit. Auf Basis dieser Quellen ist die Gastfreundschaft in der
Shang-Gesellschaft allerdings nur in der religiösen Sphäre zu beobachten.
·
Die authentischen
epigraphischen und literarischen Quellen der Westlichen Zhou-Zeit (1046/5-771
v. Chr.) enthalten einige Zeugnisse über Gastaufnahmenpraktiken nicht nur bei
religiösen, sondern auch bei gesellschaftlichen und staatlichen Ritualen.
Allerdings sind die Informationen sporadisch.
·
Die Östliche Zhou-Zeit
(770-221 v. Chr.), auf die sich wegen ihrer tragenden Bedeutung Karl Jaspers in
seinem Konzept der „Achsenzeit“ bezieht (Jaspers,
Roetz), kann auch als die
entscheidende formative Periode chinesischer Modelle der Gastfreundschaft
angesehen werden. Während dieser Periode fanden Praktiken der Gastfreundschaft
verbreitet Anwendung in der Kommunikation auf verschiedenen Ebenen zwischen
autonomen Fürstentümern. Die Gastfreundschaft wurde von den Ethikern und
Sozialphilosophen dieser Zeit als eine der grundsätzlichen Formen menschlicher
Beziehungen erkannt und anerkannt.
·
221 v. Chr. beendete der
Staat Qin den politischen Polyzentrismus Chinas. Obwohl Gastberater und
Gelehrte aus verschiedenen Regionen Chinas einen Beitrag zur Stärkung des
Qin-Königreiches geleistet hatten, wurde den Fremden in Qin mit Misstrauen
begegnet. Die ausgeprägte Intoleranz und Feindseligkeit gegenüber dem „Anderen“
könnte zum frühen Zerfall des Kaiserreiches beigetragen haben.
·
Die Epoche des Westlichen
Han-Kaiserreiches (206 v. Chr. -09 n. Chr.) zieht die Bilanz der formativen
Periode der chinesischen Zivilisation und stellt ein Bindeglied zu ihrer
weiteren Entwicklung dar. Im historischen, politischen und philosophischen
Schrifttum der Han spielt die Gastfreundschaft eine auffallende Rolle, nicht zuletzt aufgrund der Ausdehnung des
Territoriums des Han-Reiches, seiner Außenkontakte und der Eingemeindung
nicht-chinesischer Völker.
Der vorgestellte Zeitraum bildet für
die Geschichte Chinas eine systematische Einheit, die innerhalb des Horizonts
des Forschungsvorhabens untersucht werden kann. Innerhalb dieser Periode hat
sich die chinesische Zivilisation in
ihren Grundzügen konstituiert. Das politische, ideologische, ethische und
kulturelle Erbe des alten China hatte wesentlichen Einfluss auf seine weitere
Entwicklung. Noch heute bildet insbesondere die Spätphase dieses Zeitraums
einen wichtigen Bezugspunkt der politischen, kulturellen und ethischen Diskurse
in China, auch in Zusammenhang mit dem Wiederaufleben des Konfuzianismus.
Sowohl wegen seiner
eigenständigen historischen Wertigkeit als auch wegen seiner Bedeutung für die
moderne chinesische Gesellschaft erscheint es mir deshalb berechtigt, den
genannten Zeitraum für die Untersuchung auszuwählen.
2. Forschungsstand
In der mediterran-europäischen, insbesondere der
christlichen Tradition wurde die Gastfreundschaft als eine der höchsten
Tugenden angesehen. So verwundert es nicht, dass die Gastfreundschaft als Forschungsgegenstand
die meiste Aufmerksamkeit unter den Europaforschern und Theologen genießt. Es wurde
herausgearbeitet, dass in diesem Raum mehrere Formen der Gastfreundschaft mit
unterschiedlichen ethischen Standards entstanden, die das gesellschaftliche Leben
wechselseitig beeinflussten (Benveniste,
Gauthier, Hellmuth, MarinoviČ,
Montandon). Die Freiheit eines privaten Individuums,
unabhängig vom Staat oder der Gemeinschaft oder in Gegensatz zu ihnen
Gastfreundschaft auszuüben, hatte offenbar Folgen für die Ausbildung des
europäischen Individualismus (Schérér,
Montandon 2000). Meistens jedoch wurden die Normen der Gastfreundschaft
von der Gemeinschaft und dem Staat aufgestellt. Rechte und Pflichten in der
Gastfreundschaft wurden im herkömmlichen Recht oder im geschriebenen Gesetz
festgelegt (Hellmuth, Marinovitsch).
Die private und die öffentliche Gastfreundschaft
dienten zur Bestimmung der Identität des Individuums, der Gemeinschaft und des
Staates (Gauthier, Derrida). Die Ideale der
Gastfreundschaft spielten auch eine große Rolle in der Herausbildung der
christlichen Ethik (Haberer, Hawkins, Honecker, Koenig) und des humanistischen Bewusstseins (Bolchazy,
Schérér). Sie führten zur Gründung sozialer Institutionen wie z. B. des
Gästehauses, des Krankenhauses, des Hospizes und verschiedener
Empfangsstrukturen (Foucault, Dodier, Hübner, Peyer, Montandon 2001). Noch
die heutigen ethischen Vorstellungen weisen einen „Abdruck“ der Ideale der
unbedingten Gastfreundschaft auf, obwohl die Moderne wenig Möglichkeiten läßt,
sie wörtlich zu befolgen (Schérér).
Gleichwohl entwickeln sich heutzutage die Strukturen der Gastfreundschaft weiter, so dass ihr Zustand für die
interkulturelle und internationale Existenz eine große Bedeutung hat (Heinrichs, Derrida)
und insbesondere für den mobilen und kommunizierenden modernen Mensch von
Belang ist (Derrida, Gotman).
Im Vergleich zu dieser Vielfältigkeit der
Perspektiven und Meinungen im Bezug auf Europa ist die Gastfreundschaft in
China bisher noch wenig erforscht. Einzelne Fälle und Aspekte wurden meistens
am Rande anderer Themen betrachtet. Z.B. wurde das Ritual der Gastaufnahme der
Ahnengeister in der Shang- und Zhou-Zeit als Teil der Ahnenreligion untersucht
(Chen, Keightley, Chang,
Goldin). Die Teilname von Gäste
an gesellschaftlichen Ereignissen wie
dem Initiationsritual, einem Bankett, einer Hochzeit, Beerdigung etc. wurde
mehrmals erwähnt (Creel, Wasiliev), aber ihre Bedeutung und
Funktion sind nie analysiert wurden. Die
von den Königen und Hegemonen organisierten Gastempfänge, Audienzen und
Vollversammlungen der Lokalfürsten wurden im Zusammenhang mit dem so genannten
altchinesischen Feudalismus (Granet)
und dem „System ritueller Kommunikation“ (Kryukov
1997) angesprochen. Die Aufnahme diplomatischer Gesandten wurde als
wichtiger Bestandteil der internationalen Beziehungen im Rahmen des
„multistaatlichen Systems“ erkannt (Walker,
Huai, Sun). Jedoch wurde die
Komplexität der Besuchs-Empfang-Beziehungen in ihrer Auswirkung auf die
Repräsentation der Machthierarchie noch sehr wenig erforscht. Bemerkenswert
sind allerdings die Arbeiten von Sozialwissenschaftlern, die „Gäste“ während
der Periode der Streitenden Reiche (5. - 3. Jh. v. Chr.) als eine eigene
Sozialklasse erkannt (Ch’u) und
die Gastfreundschaft als eine der wesentlichen Praktiken der modernen
alltäglichen Beziehungsbildung (guanxi) erachtet haben (Kipnis, Yan). Die Relevanz der Gastfreundschaft für das soziale
Handeln im modernen China wird auch in der Fachliteratur über das
internationales Business-Management (Seligman,
Lee, Hellstrom) angesprochen. Eine umfassende Untersuchung der
Gastfreundschaft in China ist aber bisher noch nicht vorgelegt worden.
Mein eigener bisheriger Beitrag zur Erforschung der
Gastfreundschaft in alten China besteht im folgenden:
·
Untersuchungen zur
Verwendung der Begriffe für „Gast“ und „Freund“ im alten China mit dem
Ergebnis, daß beide sich auf zwei
verschiedene Formen des Verhältnisses zum „Anderen“ bezogen: Freundschaft ist
eine Privatbeziehung, Gastfreundschaft spielt sich meistens außerhalb des
Privatbereiches in der Beziehung zu Fremden ab (Khayutina, a).
·
Untersuchungen zur Rolle der
allmählichen Verzweigung der Clan-Organisation und des Anwachsens der sozialen Mobilität seit
der letzten Hälfte der Westlichen Zhou-Zeit (ca. Ende X-IX Jh. V. Chr.) für die
Entwicklung der Gastfreundschaft (Khayutina
a, c , d, g).
·
Untersuchung der Rolle von
Gästen im religiösen Ritual der Westlichen Zhou-Zeit und der Frühling und
Herbst-Periode als Vertreter der Ahnengeister und agrarischen Gottheiten, mit
der Folge einer steigenden Akzeptanz von Fremden (Khayutina b, i, j).
· Untersuchung der Konzeption der
Gastfreundschaft gegenüber nicht-chinesischen Völkern in spät-Zhou-zeitlichen Beschreibungen
der mythischen und historischen Vergangenheit im Vergleich mit Angaben in den
authentischen Quellen der Shang- und Westlichen Zhou-Zeit. (Khayutina e, h).
· Untersuchung des offiziellen
Gästestatus und der Herausbildung neuer Gastfreundschaftsbeziehungen in der
Politik der Staaten der Östlichen Zhou-Zeit nach dem Zerfall der durch
Verwandtschaft, Ehebeziehungen und Loyalität zu den Zhou-Königen
aufrechterhaltenen Solidarität zwischen den Lokaldomänen (Khayutina
a).
· Untersuchung der inoffiziellen
Institution der als „Gäste“ bezeichneten Privatangestellten von Potentaten und
Honoratioren während der Zeit der Streitenden Reiche (Khayutina a).
Diese von mir bislang untersuchten Facetten der
Gastfreundschaft zeigen, dass dieses Phänomen eine wesentliche Rolle in vielen
Sphären des sozialen und politischen Lebens wie auch in der Religion des alten
China spielte. Seine historisch und systematisch integrale Gestalt bleibt aber noch zu rekonstruieren. Die bisher gewonnen noch
punktuellen Erkenntnisse werden dem beantragten Forschungsprojekt als
Ausgangspunkte dienen.
3. Leitfragen
Das Projekt zielt auf eine umfassende Darstellung
der Phänomen der altchinesischen Gastfreundschaft. Ihre religiösen, sozialen
und politischen Aspekte werden zunächst separat analysiert. Anschließend werden
das altchinesiche Modell bzw. die Modelle der Gastfreundschaft
rekonstruiert und sein bzw. ihre Bedeutung für die Entwicklung der chinesischen
Zivilisation ausgewertet. Die folgenden Fragen werden die Forschung leiten:
·
Welche Rolle spielte die
altchinesische Ahnenreligion für die Akzeptanz des Anderen bzw. für die
Entwicklung der Gastfreundschaft? Welchen Einfluss hatte die Entstehung der
sozialen Institution der Gastfreundschaft auf die Evolution der religiösen
Mentalität und des Ahnenkults? Hatte das chinesische Modell der
Gastfreundschaft – über den hier thematisierten
Zeitraum hinaus – eine Bedeutung für die religiöse Toleranz und die Akzeptanz
fremder Religionen (Buddhismus usw.)?
·
Welchen Bedeutung hatte die
Gastfreundschaft für die Struktur sozialer Kommunikation im privaten Bereich?
Welche Rechte und Pflichten konstituierten die Norm der Gastfreundschaft? Wie
wurde ihre Handhabung garantiert bzw. ihr Bruch behandelt? Wie entwickelten
sich die Vorstellungen und die Praxis der Gastfreundschaft mit dem Anwachsen
sozialer Mobilität? In welcher Beziehung standen sie zu den Veränderungen in
den staatlichen Systemen?
·
Wie und von wem (von privaten oder öffentlichen Strukturen) wurde die
Aufnahme der Reisenden, Migranten und Flüchtlinge organisiert? Wie
kontrollierte und regulierte der Staat die private und öffentliche
Gastfreundschaft im multistaatlichen System der späten Zhou-Zeit und in
frühkaiserlicher Zeit? Wann entstand bzw. wie entwickelte sich das Gästehaus?
Wie beeinflusste die im Vergleich zu Europa frühe Etablierung des Gästehauses
das chinesische Modell der Gastfreundschaft?
·
Welche Funktionen hatten die
staatlichen Empfangsrituale für die Staatsangehörigen oder Vertreter fremder
Staaten und Völker? Wie änderten sie sich im früheren Zhou-Königreich, im
multistaatlichen System der späten Zhou-Zeit und in der frühen Kaiserzeit?
Welche Rolle spielte die Akzeptanz von außen bzw. die Akzeptanz der
Außenstehenden beim Aufbau der staatlichen Souveränität? Welche Bedeutung hatte
die Konzeption der Gastfreundschaft gegenüber den fremden Völkern für die
Herausbildung der imperialen Ideologie?
·
Wie entwickelte sich das
Ethos der Gastfreundschaft im Laufe des zu betrachtenden Zeitrahmens? Welche
Funktion hatte die Figur des Gastes (eines „Dritten“, der z.B. einen Konflikt
von der Distanz seines besonderen Status beobachtet und beurteilt) für die
Selbstreflexion im altchinesischen historisch-philosophischen Diskurs? Was
bedeutete die Gastfreundschaft für die Charakteristik der in Quellen erwähnten
historischen Figuren? War die Gastfreundschaft im alten China als Tugend
angesehen? Wie war das Ethos der Gastfreundschaft mit dem „Prozeß der
Zivilisation“ in China verbunden?
4. Methodologie.
Die Komplexität des hier betrachteten Themas erfordert
eine fachübergreifende Strategie :
·
Historischer Ansatz: Die Vorstellungen über die Gastfreundschaft manifestierten sich in
einigen greifbaren sozialen Erscheinungen (z. B. Ahnenkult, Empfangsritual,
Gästehaus usw.), die in ihrer Entwicklung untersucht werden müssen. Die
Rekonstruktion wird aufgrund a) chinesischer Primärquellen und b) kritisch
ausgewerteter, auch komparativer Sekundärliteratur durchgeführt. Folgendes an
der hier vorgesehenen Herangehensweise ist neu:
1) Die für die Gastfreundschaft relevanten
sozialen und politischen Institutionen werden in ihrer Geschichte dargestellt.
2) Bei der
Auswertung der primären Quellen für die Untersuchung der Praxis der
Gastfreundschaft wird ihr Objektivitätsgrad kritisch geprüft (siehe Semiotischer
Ansatz 2). Subjektive Äußerungen werden als wertvolle Belege für
Vorstellungen über die Gastfreundschaft herangezogen.
3) Bei der
Auswertung der authentischen Quellen (Orakelknochen, rituelle Bronzegefäße,
Bambusdokumente) wird nicht nur der schriftlichen Information als solche,
sondern auch den sie mit formenden Eigenschaften der materiellen Datenträger
(Zweck, Gebrauchsweise und, im Fall der Bronzegefäße, auch Form und Dekorum)
Aufmerksamkeit gewidmet (siehe Semiotischer Ansatz 2).
4) Es wird beachtet, ob die
Realitätsdarstellung der Quellen synchronisch oder diachronisch ist.
Besondere Beachtung findet die Geschichtsschreibung (dargestellt durch die Bambusannalen
(ca. 4 Jh. v. Chr.) und das Shiji von Sima Qian (145-90 v. Chr.)). Angestrebt
ist die Differenzierung zwischen den idealen Vorstellungen von Gastfreundschaft
in der Vergangenheit, den didaktisch-programmatischen Vorstellungen zur
Gegenwart und den tatsächlichen Praktiken der Gastfreundschaft.
·
Sozialtheoretischer Ansatz: Die Gesellschaft stellt ein soziales System dar, das in mehrere
Subsysteme (Organisationen auf den verschiedenen Ebenen, Personen) geordnet
ist. Dieses System bzw. jedes Subsystem ist umweltorientiert und funktioniert
bzw. wird ausgebildet durch kommunikatives Handeln (Luhmann). Es soll untersucht werden, welche Bedeutung
und Funktion die Gastfreundschaft als eine Form der System-Umwelt
Beziehung für die Subsysteme der alten chinesischen Gesellschaft (Familie, Clan,
Gemeinschaft, Staat usw.) sowie für das ganze System (die Zivilisation) hatte.
Untersucht wird ferner, inwieweit die Modifizierung der Vorstellungen
und der Praxis der Gastfreundschaft mit dem historischen Wandel des Systems und
seiner Teile korrelierte.
·
Semiotischer Ansatz: Die Interpretation der durch historische Untersuchungen gewonnenen
Ergebnisse wird strukturell-theoretisch auf den folgenden Ebenen behandelt:
1) Gesellschaftliche
Interaktion: Die Gastfreundschaft wird als eine Form der Kommunikation
zwischen den Parteien, die sich gegeneinander als „Eigen“ und „Fremd“
wahrnehmen, angesehen. Es wird untersucht, welche Eigenschaften die
jeweiligen Gegenseiten haben, um an der Kommunikation im Rahmen der Gastfreundschaft teilnehmen zu können, und welche
Merkmale sie dadurch annehmen können. Es wird ermittelt wie, d.h.
durch welche Zeichen, diese Kommunikation stattfindet (z.B. rituelle
Verhaltensweisen, visuelle Ausdrucksweisen, räumliche Positionierung, Redeweise
usw.).
2) Text:
Die Vorstellungen über die Gastfreundschaft manifestierten sich in der
Beschreibung relevanter Erscheinungen und Geschehnisse. Jede Beschreibung wird
als Kommunikation, die sich von einem bestimmten Sender (Autor) an einen
bestimmten Empfänger (Auditorium)
richtet, angesehen. Das heißt, dass jeder Text ein System darstellt, in dem die Bedeutungen
des Beschriebenen in einem Zusammenhang mit der Art und dem Zweck (z. B.
Chronik, philosophischer Traktat, ritueller Text, historisches Schriftwerk,
politischer Aufsatz etc.) jedes individuellen Dokuments stehen. Es wird
untersucht, wie die Darstellung der Gastfreundschaft je nach Kontext und
Spezifik der Quellen variiert.
3) Wortschatz:
Die Begriffe der Gastfreundschaft werden in den Quellen oft metaphorisch
und metonymisch verwendet. In vielen Übersetzungen auf dem Chinesischen
werden sie nicht wörtlich übertragen, weil dies für nicht-chinesische Leser
unverständlich wäre, sondern ihre Bedeutung wird mit anderen Ausdrücken
wiedergegeben. Diese Diskrepanz deutet auf die Notwendigkeit hin, Eigenschaften
dieser Begriffe im konventionellen System der Kommunikation in der chinesischen
Sprache zu verstehen. Hierzu ist die Abfassung eines Glossars der chinesischen
Begriffe der Gastfreundschaft geplant.
f. Darstellung der Ergebnisse.
Die Ergebnisse des hier beantragten
Forschungsprojekts werden zur Publikation in Form eines Buches vorbereitet. Die Resultate der bisher durchgeführten
Forschung werden zusammen mit den neuen Ergebnissen ausgewertet, präzisiert und
dargestellt.
Vorläufigen Plan siehe hier.
Literaturverzeichnis
Benveniste, Émile.
Le vocabulaire des
institutions indo-européennes. Paris: Editions de Minuit, 1969.
Bolchazy, Ladislaus J.
Hospitality in Early
Buber, Martin
Ich und du. Leipzig: Im Insel
Verlag, 1923.
Chen, Mengjia
Yinxu buci zongshu [Umfassende
Beschreibung de Orakelknocheninschriften aus den Ruinen von Yin].
Chang Taiping
The Ritual and Sacrificial Terms of the Shang
Oracle Texts of Period I. Ph.D. Diss. (1981),
Creel, Herlee Glessner
The Birth of
Ch’u T’ung-tsu
Han Social Structure.
Deleuze, Gilles
Différence et repetition. Paris: Editions de Minuit, 1968.
Derrida, Jacques
a: “De l’hospitalité”, in : Anne
Dufourmantelle invite Jacques Derrida à répondre de l’hospitalité, Paris:
Calmann-Lévy, 1997.
b: “Hostipitality”, in: Angelaki:
Journal of the Theoretical Humanities 5 (2000) 3, pp. 3-18.
c: “Hostipitality” in:
Derrida, Jacques & Gil Andijar (transl., ed.), Acts of Religion.
Elias, Norbert
Über den Prozeß der Zivilisation. Soziogenetische und Psychogenetische
Untersuchungen. Basel: Haus zum
Falken, 1939.
Foucault, Michel
Histoire de la folie a l'age classique. Paris: Gallimard, 1972.
Gauthier, Philippe
“Notes sur l'étranger et l'hospitalité en Grêce et à Rome”, Ancient
Society (1973) 4, pp. 1-21.
Goldin, Paul Rakita
“Imagery of Copulation in Early Chinese Poetry”, Chinese Literature:
Essays, Articles, Reviews 21 (1999), pp. 35-66.
Gotman, Anne (ed.)
L’hospitalité.
Lonrai: Seuil, École des Hautes Études en Sciences Sociales, Centre d’Études
Transdisciplinaires (Sociologie, Anthropologie, Histoire) 65 (1997).
Haberer, Hans
Gastfreundschaft – ein Menschheitsproblem : Überlegungen zu einer `Theologie
der Gastfreundschaft’.
Hawkins, Thomas R.
Sharing the Search: A Theology of Christian
Hospitality.
Hegel, Georg
Wilhelm Friedrich
a: Die Phänomenologie des Geistes, in: System
der Wissenschaft. Erster Teil. Bamberg und Würzburg,
1807.
b: Encyclopädie der philosophischen Wissenschaften
im Grundrisse.. 1. Aufl., Heidelberg, 1817.
Heinrichs,
Johannes
Gastfreundschaft der Kulturen: multikulturelle Gesellschaft in Europa und
deutsche Identität; eine aktuelle Einmischung. Essen: Verl. Die Blaue Eule,
1994.
Huai Xiaofeng, Sui Yurong
Gudai Zhongguo guojifa shiliao [Quellen zum internationalen Recht im alten China]. Peking:
Zhongguo Zhengfa Daxue chubanshe, 2000.
Hübner, Josef
Von der Gastfreundschaft zum Hotelgewerbe.
Hellmuth, Leopold
Gastfreundschaft und Gastrecht bei den Germanen, Wien: Österreichische Akademie der Wissenschaften,
1984.
Hellstrom, Linda
Conducting Business in
Honecker,
Martin, Waldenfels, Hans:
Zu Gast beim anderen : evangelisch-katholischer Fremdenführer. Graz: Verlag Styria, 1986.
Jaspers, Karl
Vom Ursprung und Ziel der Geschichte. München: Piper, 1949.
Kipnis, Andrew B.
Producing Guanxi: Sentiment, Self, and
Subculture in a
Kluckhohn,
Variations in value orientations.
Koenig, John, Donahue, John R.
New Testament Hospitality: Partnership With Strangers
As Promise and
Krjukov, Vassilij. M.
a: Ritual’naja
kommunikacija v drevnem Kitae [Ritual
communication in ancient
b: Tekst i ritual. Opyt interpretacii
drevnekitajskoj épigrafiki
epoxi Yin-Zhou. (Text and Ritual. An essay of interpretation of
ancient Chinese epigraphy of the Yin-Zhou epoch). Moskau:
Izdatel’stvo “Pamjatniki istoričeskoj mysli”, 2000.
Lee, Tahirih V.
Contract, Guanxi, and Dispute Resolution in
Lewin, Kurt
Die Lösung sozialer Konflikte. Ausgewählte Abhandlungen
über Gruppendynamik.
Bad Nauheim: Christian Verlag, 1953.
Luhmann, Niklas:
Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie. Frankfurt a. M.: Suhrkamp Verlag, 1987.
MarinoviČ,
L. P., Majak, I. L. (Hrsg.):
Zakon i obyčaj gostepriimstva v antičnom mire [Gesetz und Usus der Gastfreundschaft in der
antiken Welt]. Moskau: Institut Vseobščej Istorii R.A.N, 1998.
Mead, George Herbert:
Mind, Self, and Society.
Montandon, Alain (Hrsg.):
a: Mythes et
représentations de l’hospitalité. Études rassemblées et présentées par Alain
Montandon. Clermont-Ferrand: Presses Universitaires Blaise-Pascal,
1999.
b: Espaces
domestiques et privés de l’hospitalité. Clermont-Ferrand: Presses
Universitaires Blaise-Pascal, 2000.
c: Lieux
d’hospitalité. Hospices, hôpital, hostellerie. Clermont-Ferrand:
Presses Universitaires Blaise-Pascal, 2001.
Roetz, Heiner:
Die chinesische Ethik der Achsenzeit: eine Rekonstruktion unter dem Aspekt
des Durchbruchs zu postkonventionellem Denken. Frankfurt a. M.: Suhrkamp,
1992.
Schérér, René:
Zeus hospitalier. Elogue de l’hospitalité : essai philosophique.
Seligman, Scott, and Edward Trenn:
Chinese Business Etiquette: A Guide to
Protocol, Manners, and Culture in the People’s Republic of
Šukurov, R. M.:
Čužoe: opyty preodolenija. Očerki iz
istorii kul’turz Sredizemnomorja. (Das Fremde: Erfahrungen der
Überwindung. Essays aus der Geschichte der Mittelmeerregion). Moskau: Aleteja, 1999.
Sui Yurong:
Gudai Zhongguo guojifa yanjiu (Studien zum internationalen Recht im alten China). Peking: Zhongguo
Zhengfa Daxue chubanshe, 1999.
Van Gennep, Arnold
Les rites de passage. Etude systématique des rites. Paris: Librairie
Critique Emile Nourry, 1909.
Vasiliev, Leonid
S.
“Étika i ritual v traktate ‘Li dzi’”,
in: Vasiliev, Leonid S., Bokščanin, Anatolij A., Kobzev, Anton I. (Hrsg.):
Étika i Ritual v tradicionnom Kitaje [Ethik und Ritual im traditionellen
Waldenfels, Bernhard:
a: